Konzept Behindertenschwimmen

James McMillan entwickelte das Halliwick - Konzept seit 1950 als eine Schwimmmethode für Menschen mit Behinderungen. Das Konzept basiert auf seinem theoretischen Wissen über Hydromechanik in Verbindung mit seinen Bobachtung der Reaktionen des menschlichen Körpers in der Umgebung Wasser. Aus der Kombination von Hydromechanik und den neurobiologischen Antworten des Körpers wurde eine sensomotorische Einheit, das sogenannten „10-Punkte-Programm“entwickelt. Dieses Programm führt eine geistige behinderte Person von der Anpassung an das Wasser bis hin zu einem Basisschwimmstil. Ein wichtiger Schwerpunkt in diesem Programm ist das Erreichen von Rotation- Kontrolle um verschiedene Körperachsen. Diese Rotationen entstehen durch sogenannte „metazentrische Effekte“ bedingt durch den Einfluss von Schwerkrafts- bzw. Auftriebskräften. Dieser Zusammenhang wird durch Änderung der Körperform und/oder der Dichte behinderungsbedingt beeinflusst.


Mc Millans Programm stellt sich in zehn aufeinander aufbauenden Punkten dar, von denen keiner ausgelassen bzw. vertauscht werden sollte.

1. Geistige Anpassung
2. Loslösung
3. Kontrolle der vertikalen Rotation
4. Kontrolle der lateralen Rotation
5. Kontrolle der kombinierten Rotation
6. Geistige Umkehrung
7. Gleichgewicht ist Ruhe
8. Turbulenzgleiten
9. Einfache Fortbewegung
10. Grundlegende Bewegung


Bild12Die konsequente Abwicklung dieser zehn Punkte setzt beim Schwimmer/in ein relativ hohes Maß an kognitivem Verständnis voraus. Diese Zielsetzung deckt
sich demnach nicht ganz mit den Anforderungen an den Schwimmunterricht des TSV Hohenbrunn-Riemerlings mit geistig behinderten Kindern. In Ableitung ergeben sich daraus 6 Orientierungspunkte:

1. Grundlegende Erfahrungen am, im und mit Wasser
2. Frei werden zum selbstständigen Handeln im Wasser
3. Elementare Bewegungsformen für die Bewegungssicherheit im Wasser
4. Gewöhnung an die Gegebenheiten des Wassers und weitere aktive Erkundung
5. Vom Wasser getragen werden
6. Eigenschaften des Wassers zur schwimmenden Fortbewegung nutzen



Diese sechs Punkte unterliegen keiner festgelegten Reihenfolge und erheben nicht den Anspruch auf eine komplette Durchführung. Beim Schwimmen mit den
Kindern hat sich immer wieder gezeigt, dass sich diese Punkte überschneiden und in ihrer Stellung zueinander verlagern können. Obwohl bereits in der Anordnung eine Absicht erkennbar ist, kann aus diesen Orientierungspunkten kein Programm oder Lehrgang abgeleitet werden. Die vorgegebenen Punkte sind mit Inhalten, wie z. B. Freude, Spaß, Wettbewerb und Entspannung bis hin zur Meditation, zu füllen, welche den Anforderungen der jeweiligen Schüler gerecht werden. Spielsituationen und Musik sind in unseren Schwimmstunden zu wichtigen Elementen geworden.


1. Grundlegende Erfahrungen am, im und mit Wasser
(Orientierungspunkt 1)

Mit dem Wasser vertraut werden bedeutet, seine besonderen physikalischen Gegebenheiten kennenzulernen, diese zu erleben und damit angstfrei umzugehen. Dass Wasser 25 mal wärmeleitfähiger ist als Luft, dass jede Bewegung im Wasser Widerstand erfährt, dass unter Wasser ein gewisser Druck auf dem Körper lastet und dass es dem Körper Auftrieb verschafft, lernen unsere Kinder durch langfristige Übungen.


Bei einer ausreichenden Wassergewöhnung des Körpers findet auch die Psyche unserer Schüler/innen genügend Zeit, um sich an die Umgebung Wasser anzupassen. Eine angenehme Wassertemperatur von ca. 30 – 33° C und die anfangs gleichbleibende Bezugsperson für jedes Kind erleichtern diesen Prozess. Die Wassertiefe orientiert sich am kleinsten Schwimmer. Sie soll anfangs den 11. Brustwirbel nicht überschreiten, weil bei einer weiteren Wassertiefe die Körperkontrolle über die Beine verloren geht.


Durch gezielte Übungen haben unsere Anfängerschwimmer im Wasser relativ schnell einen vollständigen Mundschluss erreicht. Ziemlich bald wurde in spielerischer Form die erste Atmungsschulung begonnen.


2. Frei werden zum selbstständigen Handeln im Wasser
(Orientierungspunkt 2)

Unsere gute Kursaufstellung erlaubte es, dass immer drei Schüler einer stets gleichbleibenden Betreuungsperson zugeordnet waren. Zu Beginn war die Abhängigkeit einiger Kinder vom Helfer so stark, dass sie sich im Wasser kaum aus dem engen Körperkontakt lösten. Damit der/die Schwimmer/in zum selbstständigen Handeln im Wasser gelangt, muss die Abhängigkeit zum Helfer über Blickkontakt, Gerätekontakt und Kontakt zum Beckenrand abgebaut werden. Diese Loslösung verlangt aber auch, dass der Schüler seine Angst allmählich verliert und im Wasser Mut und Selbstvertrauen zeigt. Neue Aufgaben und gesteigerte Anforderungen führen immer wieder zu einer engeren Bindung vom Schüler zum Helfer oder zu einem Gerät. Frei werden zum selbstständigen Handeln im Wasser erfordert, eine individuelle, ständig richtig dosierte Hilfestellung durch die Schwimmlehrerin.


3. Elementare Bewegungsformen für die Bewegungssicherheit im Wasser
(Orientierungspunkt 3)

Bewegungssicherheit im Wasser kann auf die Dauer nicht nur mit Schwimmhilfen vermittelt werden. Am Körper fixierte Auftriebshilfen erscheinen nur in wenigen Ausnahmefällen als sinnvoll. Nachdem Kinder unserer Schwimmgruppe selbstständig eine horizontale Lage im Wasser einnehmen konnten, war für sie ein wesentlich erweiterter Bewegungsspielraum eröffnet. Ob sich der Schwimmer/in dabei erst auf den Rücken oder auf den Bauch legt, sollte ihm selber überlassen bleiben. Damit der Schüler/in selbstständig die Bauch- oder Rückenlage einnehmen kann und daraus wieder in den sicheren Stand findet, muss er die Drehung um seine Körperquer- und Körperlängsachse ausführen können.

Erst wenn diese vertikale und laterale Rotation beherrscht wird, kann die Wassertiefe etwas über den 11. Brustwirbel steigen. Ein wesentlicher Teil der Körperkontrolle im Wasser erfolgt nun über die Kopfkontrolle.


4. Gewöhnung an die Gegebenheiten des Wassers und weitere aktive Erkundung
(Orientierungspunkt 4)

Wenn die Bewegungssicherheit so weit fortgeschritten ist, beginnen die Schwimmer selbstständig das Wasser aktiv weiter zu erkunden. Bewegungsspiele, bei denen heftig gespritzt wird, Tauchversuche und Sprünge ins Wasser machen dann erst richtig Spaß. Dass dabei Wasser in Nase und Ohren gelangt, stört die meisten unserer Kinder inzwischen nicht mehr. Mit geöffneten Augen wird die Orientierung unter Wasser deutlich erleichtert.

Die physikalischen Eigenschaften des Wassers können jetzt zum Teil überwunden oder genutzt werden. Beliebig viele Materialien und Geräte, selbst wenn diese nicht unmittelbar für den Schwimmunterricht gedacht sind, gestalten die aktive Erkundung des Wassers interessanter.


DSC 33095. Vom Wasser getragen werden
(Orientierungspunkt 5)

Den Auftrieb im Wasser erlebt der Schwimmer/in zunächst am besten mit Hilfe des Schwimmlehrers. In horizontaler Lage mit minimaler Unterstützung am Körperschwerpunkt spürt der Schüler, wie er statisch vom Wasser getragen wird.

Mit zunehmender Bewegung kommt es zum passiven Gleiten. Der Schwimmer bleibt dabei über längere Zeit vom Bodenkontakt unabhängig und findet langsam zu einer günstigen Schwimmlage.

 



6. Eigenschaften des Wassers zur schwimmenden Fortbewegung nutzen
(Orientierungspunkt 6)

Hier lernt jeder Schwimmer/in zuerst die Schwimmart die für ihn geeignet scheint (Rückenschwimmen, Brustschwimmen, Kraulschwimmen).


Pädagogisch-didaktische Grundsätze die für den Schwimmunterricht mit geistig behinderten Schülern angewendet werden 

  • Didaktisches Planen und Handeln im Schwimmunterricht kann nur in Abstimmung mit aktuellen aber auch langfristigen angelegten Therapiemaßnahmen erfolgen.
  • Ritualisierung, Gewohnheitsbildung und Strukturierung des Schwimmunterrichts sind eine wesentliche Orientierungshilfe für den Schwimmer/in und ein Beitrag zur Intensivierung: z. B.
    • Ritualisierung des Stundenablaufs, des Lehrerverhaltens in Situationen der Informationsvermittlung, der Organisation, der Konfliktbewältigung
    • Strukturierung des Stundenaufbaus, des Raumes und der Raumwege, des Geräteaufbaus und der Betriebsform
  • Überdauernde Lernfortschritte, Erfolgserlebnisse und ein relativ hohes Maß an Selbstsicherheit des einzelnen Kindes sind im Epochalunterricht zuverlässiger zu erreichen als in einem Schwimmunterricht mit häufig wechselnden Lernzielen und Lerninhalten. Innerhalb einer Thematik ist Variabilität möglich und notwendig. Thematische Schwerpunkte zielen auf unmittelbar erfahrbare und zukünftige Lebenssituationen.
  • Für schwerstbehinderte Kinder müssen Sonderaufgaben bzw. kleinste Lernschritte vorbereitet sein. Scheinbar geringe Lernfortschritte müssen erkannt und als wichtiger Erfolg bewertet werden.
  • Erfolgserlebnisse sind für die Schwimmer die stärkste Motivation und Ermunterung; Lob, Verstärkung, Belohnung, Zeichen der Zuneigung und das notwendige Maß an Bewegungsunterstützung schaffen eine günstige Lernatmosphäre und entsprechen dem Sicherheitsbedürfnis und der Zuneigungsbedürftigkeit des behinderten Kindes.
  • Die rhythmische Ansprechbarkeit und Reaktionsfähigkeit sind bei den meisten Schwimmern noch nicht durch Hemmungen verdeckt. Sie sollten nicht nur in der rhythmisch-musikalischen Erziehung gefördert werden, sondern auch für motorische Lernprozesse genutzt werden.
  • In jeder Stunde sollten die Schwimmer Gelegenheit zur selbstständigen Aufgabenlösung im Sinne des Findens und Erfindens erhalten.
  • Die Informationsvermittlung durch den Schwimmlehrer muss dem Sprach- und Verständnisniveau der Kinder angepasst sein und zugleich zu seiner Erweiterung beitragen. Die Verknüpfung verbaler, visueller und taktiler Informationen erhöht den Lernerfolg.
  • Begriffe zur Beschreibung der wahrnehmbaren Umwelt in Lernsituationen des Schwimmunterrichts und elementarer sportlicher Handlungen werden vermittelt; auf die Verfügbarkeit der Begriffe (Fachsprache) sollte geachtet werden.
  • Zum Abbau gestörten Sozialverhaltens und zugleich zum Aufbau sozialer Kontakte und kooperativem Verhaltens ist der Gruppenunterricht besser geeignet als der Einzelunterricht, wobei Individualisierung in Zuwendung, Belastung und Lernhilfe zwingend erforderlich ist.
  • Die Voraussetzungen jedes einzelnen Schwimmers einer Unterrichtsgruppe sind mehr als die sonstigen Rahmenbedingungen Bestimmungsfaktoren für die Auswahl der vorgesehenen Lerninhalte und für die Umsetzbarkeit der Lernziele.
  • Im Sinne einer ganzheitlichen Förderung und Erziehung der Schwimmer sollte die Einbeziehung der sportorientierten Lernerfolge in das schulische Leben, in familiäre und öffentliche Lebensbereiche gelingen.

 

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 12. Juli 2014 14:14

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