„Man muss Spaß haben dabei!“

Fabienne Sophie im TrainingGeschichte einer behinderten Schwimmerin im Leistungssport

Schwimmtraining einer jungen Leistungssportgruppe: Fabienne Sophie erscheint als letzte im Bad, alle anderen sind schon im Wasser. Höflich begrüßt sie Ihre Trainerin Dagmar und springt danach fröhlich ins Becken. Sie schwimmt sofort in Kraul los, um sich einzuschwimmen. Nach wenigen Minuten kommt die erste Anweisung der Trainerin: 10 mal 50 Meter Lagen, das bedeutet je ½ Bahn Delfin, ½ Bahn Rücken, ½ Brust und ½ Bahn Kraul, das Ganze zehn Mal hintereinander.
Obwohl Fabienne unmittelbar vorher bereits 45 Minuten Trockentraining mit Laufspielen und Konditionstraining hatte, schwimmt sie energiegeladen und kraftvoll los. Mit technisch schönem Stil holt sie immer wieder die vor ihr schwimmenden Kinder ein und überholt. Sie trainiert mit Ehrgeiz und Freude an der Sache. Trotzdem nimmt sie sich gelegentlich etwas Zeit zum Durchatmen und kurzem Plaudern. Alles ganz normal. Es fällt nur auf, dass die anderen Kinder deutlich jünger und kleiner sind als Fabienne, denn Fabienne wird bald 14 Jahre alt, während die anderen höchstens neun Jahre alt sind.

Dass Fabienne überhaupt in einer Leistungssportgruppe trainieren kann, ist nicht selbstverständlich und für Ihre Mutter Petra sogar ein kleines Wunder.

Fabienne wurde mit dem seltenen Ullrich-Turner-Syndrom geboren, einem Gendefekt, bei dem 95 bis 97 Prozent der Föten bereits im Mutterleib sterben. Fabienne kam als Frühgeburt in der 29. Schwangerschaftswoche mit nur 34 cm Körpergröße und einem Gewicht von 885 Gramm zur Welt. Die Ärzte diagnostizierten ihr Kleinwüchsigkeit auf Grund des Ullrich-Turner-Syndroms und verminderte Intelligenz. Aber Fabienns Mutter bemerkte schon bald unheimliche Kraft und starke Lebensfreude an ihrer Tochter. Die Familie verbrachte in den ersten Jahren viel Zeit bei Fachärzten in der Haunerschen Kinderklinik, um Fabienne so gut wie möglich zu fördern. Gegen ihre Kleinwüchsigkeit bekommt sie seit mehr als 10 Jahren täglich eine Spritze mit Wachstumshormonen, um wenigstens eine Körpergröße von 1,50 m zu erreichen. Ab dieser Körpergröße kann man ohne Einschränkungen ein normales Leben führen. Inzwischen ist Fabienne 1,54 m groß, so dass ihre Kleinwüchsigkeit nicht mehr so stark ins Gewicht fällt. Dank großzügiger Sponsoren konnte Fabienne auch zwei mal Therapeutisches Reiten besuchen, was ihr große Freude bereitete und ihre Entwicklung positiv beeinflusste.

Als Kleinkind hatte Fabienne Panik vor Wasser und selbst ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht brachten sie zum weinen. Ihre Mutter legt jedoch großen Wert darauf, dass Kinder heute schwimmen können. Als Fabienne vier Jahre alt war, besuchte die Mutter deshalb mit ihr einen Wassergewöhnungskurs im Klinikum Neuperlach. Da dieser auf Dauer zu teuer wurde, recherchierte Petra im Internet nach Alternativen und fand schließlich die Behindertensportgruppe der Riemerlinger Haie, genannt „Ozontiger“. Unter der Leitung von Dagmar begann Fabienne im Juli 2010 einen Schwimmkurs in der Anfängergruppe der Ozontiger, wo sie alle Schwimmarten (Brust, Kraul, Rücken und Delphin) lernte. Auf Grund ihrer guten Leistungen konnte Fabienne ab 2013 zweimal die Woche auch zu anderen Trainerinnen ins „normale“ Training, wo sie integrativ mit anderen Kinder zusammen trainierte. Fabienne fuhr auch mit ins Trainingslager der Fördergruppe F+, wo sie nochmals einen großen Sprung machte. Im Juli 2015 konnte sie an ihrem ersten nationalen Wettkampf außerhalb des Vereins teilnehmen.

Seit September 2016 ist Fabienne in der Gruppe aufgestiegen und trainiert seither in der E+ - Leistungsgruppe, der Gruppe für die bis zu 7-Jährigen.

Ihre Trainerinnen beschreiben Fabienne als einen fröhlichen Sonnenschein, sie sei eine echte Erfolgsgeschichte. Irmgard, die sich um das Trockentraining kümmert, berichtet begeistert: „Fabienne ist wahnsinnig beweglich. Sie kann Flickflack, Überschlag, Handstand, Brücke und Salti. Am Ende des Trockentrainings wird sie häufig von den Kleineren gebeten, ihnen diese Übungen vorzumachen und beizubringen. Fabienne ist sehr gut integriert in die Gruppe. Ihre Lernverzögerung spielt hier keine Rolle.“

Die Mutter stolz und glücklich, wie sich ihre Tochter entwickelt hat. Sie findet es toll, dass die Akzeptanz für behinderte Menschen bei den Riemerlinger Haien so einen selbstverständlichen Raum hat und freut sich, dass sich die Trainerin Dagmar aufopferungsvoll um die Ozontiger kümmert.

Fabienne erzählt mit bedächtigen Worten: „Ich bin selber stolz auf mich, dass ich so gut geworden bin. Ich werde auch weiter trainieren, damit ich schneller werde. Mein Ziel ist es, so schnell zu werden wie meine zwei Jahre jüngere Schwester.“ Trotz ihres Handicaps konnte sich Fabienne bei Wettkämpfen auch Medaillen holen: „Bei den letzten Vereinsmeisterschaften bin ich für die Ozontiger geschwommen, da habe ich gewonnen. Und ein andermal hatte ich Glück: ich habe eine Bronzemedaille gewonnen, weil nur drei Schwimmerinnen in meiner Altersklasse da waren.“

Am 3. Dezember 2016 nahm sie am Head-Talente-Cup in der Olympiaschwimmhalle teil, ein Wettkampf mit besonderer Atmosphäre für die jüngeren Schwimmer. Im direkten Vergleich mit Gleichaltrigen hatte Fabienne die hinteren Plätze für sich gepachtet. Trotzdem lässt sie den Kopf nicht hängen sondern meint überzeugt: „Bei Wettkämpfen soll man nicht traurig sein, wenn man keine Medaille holt. Man muss Spaß haben dabei!“

Mit dieser großartigen Einstellung kann sie vielen anderen Sportlern als Vorbild dienen.

 

» Wettkampfbericht über den Head Talente Cup vom 3. Dezember 2016

Zuletzt aktualisiert am Montag, 02. Januar 2017 11:39

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